Quereinstieg in den Akakus und Kameltage
Nach dem Frühstück besichtigen wir die heißen Quellen (zwei umbaute, quadratische Becken) und lassen den Hund Popeye bei den dort
ansässigen Leuten. Wir hoffen, er hat ein gutes Zuhause gefunden!
Wir fahren weiter und treffen am Westrand des Akakus gg. Mittag Cheikh und Abdallah mit den Kamelen.
Es ist unsere erste Tour mit Abdallah. Wir kennen uns noch nicht und am Anfang ist er auch sehr schüchtern.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen verabschieden wir uns von Mouftah, der mit einem der beiden Autos zurück nach Ghat fährt.
Ab jetzt brauchen wir nur noch ein Auto, das unser Gepäck, die Küche und Lebensmittel, Wasser sowie Housseini und Hakim transportiert.
Doch zunächst wird jeder mit seinem Kamel bekannt gemacht.
Ich kann ja bereits uralt-Ansprüche auf meinen Aurar stellen, der mich schon auf drei Reisen getreu begleitet und getragen hat.
Jetzt steht also unsere vierte gemeinsame Reise an, ich freue mich riesig!
Aisha muss dieses Jahr mit einem neuen Kamel Bekanntschaft schließen.
Ihr Absaou der vergangenen Jahre hat das Zeitliche gesegnet.
So ist der Lauf der Dinge, das wissen wir spätestens seit unserer zweiten Reise, bei der weder mein Abhaou,
noch Aishas Absaou der ersten Reise dabei waren.
Damals haben wir Rotz und Wasser geheult.
Ein neues Kamel liebgewinnen? Unmöglich!
Keines wird so lieb und schnufflig sein wie mein Abhaou! Nie wieder werde ich ein Kamel sooo liebhaben können!
Gott sei Dank stimmt das nicht 100%ig. Klar gibt es Unterschiede: Das eine ist schmusig, das andere verfressen, wieder ein anderes hat das schönste Fell, ist aber recht faul.
Egal, am Ende hat man "sein Kamel" immer lieb!
Jetzt geht's aber los: Uns steht ein ziemlich beschwerlicher Aufstieg über den Pass bevor.
Wir marschieren also mit den Kamelen (das Auto nimmt derweilen einen anderen Weg) ca. 4 Stunden steil bergauf und bergab.
Ich bekomme große Probleme mit meinem Knie und treffe erschöpft und niedergeschlagen am Abendplatz ein.
Hoffentlich schwillt das Knie schnell ab, ist mein einziger Gedanke, sonst kann ich morgen nicht reiten.
Ich kühle und wickle, stelle ruhig und schone. Nachts zwänge ich mein Knie in einen Gummistrumpf.
Und die Bemühungen werden belohnt: Am Morgen ist es schon viel besser!
Der erste Reittag: Alle gehen es gemächlich an.
Aghali, Tambullu und Mariam gewöhnen sich an ihre Kamele (und umgekehrt wahrscheinlich auch).
Wir sehen die ersten Felszeichnungen, die auch für mich neu sind. In dieser Ecke war ich noch nie.
Das Abendlager schlagen wir am "Schiller-Platz" auf, wo die Natur dem Dichter zu Ehren eine riesengroße Büste errichtet hat.
Nach dem Abendessen holt Tambullu ihre Zimbeln raus und wir machen noch ein ganzes Weilchen Musik am Feuer.
Hier kann nachgelesen werden, wie so ein durchschnittlicher Tag während der Kameltour abläuft.
Am dritten Reittag kommen wir zum Brunnen Bir Suget, wo wie immer ein kräftiger Wind geht.
Wir machen hinterm Felsen Ganzkörperwäsche und auch die Haare werden von milden Shampoos verwöhnt...
Am Abend findet Aghali nicht zu seinem mit viel Zeit und Liebe präparierten Schlafplatz.
Im Hellen war der Weg doch ganz einfach zu gehen, einfach vom Lagerplatz so ein bisschen schräg-geradeaus!
Aber jetzt, im Dunklen, ist irgenwie jede Richtung ein bisschen schräg-geradeaus und Aghali kehrt nach 10 Minuten unverrichteter Dinge ans Feuer zurück.
Er kann seinen Schlafplatz mit Isomatte, Schlafsack, Tagesrucksack etc. nicht finden.
Wir anderen lachen und amüsieren uns köstlich: Uns würde sowas natürlich NIE passieren!
(... und prompt erging es Aisha ca. 4 Wochen später im Hoggar Tassili genauso.)
Von einem nochmaligen Anlauf - und dieses Mal streng in den Fußspuren seiner Schlafplatz-Präparationsgänge - kehrt Aghali nicht zurück.
Wir hoffen, dass er seinen Schlafplatz letztendlich doch gefunden hat und dort eine ruhige, angenehme Nacht hatte -
wie er es uns am nächsten Morgen berichtete.
Noch an diesem Abend haben wir Frauen uns spontan dafür entschieden, morgen einen "Aghali-Tag" einzulegen.
Wir wollen besonders nett zu Aghali sein und ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen - was natürlich wegen der Sonnenbrille nicht immer ganz 100%ig klappt.
Nach dem Abendessen ziehen wir Bilanz:
Ja, wir haben uns bemüht und Aghali hatte auch seinen Spaß, aber so ganz zufrieden können wir mit unseren Leistungen am "Aghali-Tag" noch nicht sein.
Drum beschließen wir, auch am kommenden Dienstag wieder einen Aghali-Tag einzulegen.
An diesem Abend legt sich Aghali Spuren zu seinem Schlafplatz, das Missgeschick von gestern soll sich auf keinen Fall wiederholen!
Doch wer den Schaden hat, usw. usf.
Aghali geht den Spuren nach und findet: ein Schälchen mit Keksen. Keine Spur von Schlafsack und Gepäck!
Housseini, der Schlingel, hat eine falsche Spur gelegt, sie am Ende aber mit dem Süßigkeiten-Depot doch noch zu einem Treffer gemacht.
Nun zeigt ihm Housseini, dass wirklich nur wenige Meter entfernt sein Nachtlager auf ihn wartet, es aber wegen der Dunkelheit erst zu sehen ist, wenn man fast drüberstolpert.
Ende gut, alles gut? - Leider nein!
Für mich wird diese Nacht zur "Flüchtlingsnacht": Ich ziehe gg. 1 Uhr mit Sack und Pack um, weil zwei unserer Damen am gemeinsamen Schlafplatz schnarchen, direkt vor meiner Nase.
Ich armes Ding!
Im Guelta Tillallen bekomme ich erstmalig Rückenschmerzen: Reiten und sogar Laufen ist so nicht möglich.
Jeder, der mich kennt, weiß, dass das für mich einer Katastrophe gleichkommt!
Wo ich ja eigentlich nur zum Kamelreiten nach Libyen fahre.
Jaaa, Dünenfahren mit dem Jeep ist auch sehr schön, aber mit den Kamelen unterwegs zu sein, stellt alles in den Schatten!
Schweren Herzens muss ich also auf's Reiten verzichten.
Ich biete Hakim an, meinen Aurar zu reiten.
Nach anfänglichen Unsicherheiten - er ist ja auch bloß ein Stadtkind aus dem Norden - wird er locker und es macht ihm sichtlich Spaß.
Die Gruppe der Reiter kommt zu den rituellen Fruchtbarkeitsgravuren oder, anders gesagt, zu den Sex-Gravuren.
Im ersten Jahr unserer Libyen-Reisen hatten uns noch der alte Mohamed und El-Hedi, der einzige damals ebenfalls verheiratete Tuareg, zu diesen Gravuren begleitet.
Alle anderen mussten am Lagerplatz warten; es wäre zu unschicklich gewesen.
Und heute - die Tuareg amüsieren sich köstlich, wie wir Touristen wild mit den Kameras werkeln, um ja jedes Detail auf's Bild zu bannen.
Leider sind die Gravuren ziemlich stark beschädigt und auch die Lichtverhältnisse sind nicht optimal.
So ist letztendlich auf den Fotos wieder alles und gar nichts zu sehen, wie die Jahre zuvor.
Am Guelta werden die Kamele getränkt. Es gibt lustiges Frauenwaschen hinterm Auto, währenddessen die Männer eine vom Hirten erstandene Ziege schlachten.
Danach wird noch eine kleine Operation an Aurar's rechtem Vorderfuß durchgeführt, die Hornhaut muss verschnitten werden.
Gott sei Dank, alles geht gut und Aurar erholt sich beim Brotnaschen sichtlich schnell von dem Schreck!
Und am Abend gibt es Leberspieß und Bar-B-Q - köstlich!
Meine "Befindlichkeit" wechselt nun täglich: mal kann ich reiten oder laufen, mal muss ich Auto fahren.
Massagen, Rheumacremes, Tabletten - alles hilft nichts. Es ist zum Mäusemelken!
An der "Kathedrale", einem gewaltigen Säulenfelsen, begegnen wir den Italienern, die uns einen Tag zuvor mit ihren lauten Hupen,
rasanten Beschleunigungen und haarscharfen Vorbeibrettern an unserer Karawane total genervt hatten.
Die Kamele hatten Angst und wir hatten Angst, dass die Kamele dann für uns unkontrollierbar werden.
Also stellen wir sie zur Rede und sie geloben Besserung. Wer's glaubt ...
Natürlich hatten auch sie einen libyschen Führer dabei, der aber - wie sich herausstellt - aus Sebha kommt und von Reisen mit Kamelen keinen blassen Schimmer hat.
Als ob das nicht schon genug wäre, pinkelt doch einer von denen in die Nashorn-Höhle!
Fast vor den Augen von Cheikh und Aisha, die just in dem Moment um die Ecke biegen, als der seine Nudel wieder einpacken will.
Großes Entsetzen auf beiden Seiten!!
Nach dem Mittagessen (Pommes mit Auberginen) wird Henna aufgetragen.
Henna in der Mittagspause: so einen Stress mache ich mir nie wieder!
Abends hat man viel mehr Zeit und muss nicht so hetzen.
Außerdem fällt es in den kühlen Abendstunden viel leichter, stundenlang fast regungslos dazusitzen.
An einem der nächsten Tage erreichen wir den Brunnen Bir Imananer.
Er ist überdacht worden, weil die Einheimischen es satt hatten, dass vorbeiziehende Touristen sich in dem offenen Becken waschen,
obwohl es ausdrücklich als Trinkwasserbecken ausgeschildert ist.
Gut so, jetzt bleibt das Wasser nicht nur von Shampoos und Körperschweiß, sondern auch vom allgegenwärtigen Sand verschont.
Wir waschen Haare und halten ganz in der Nähe Mittagsrast: am "Stinkmorchel" (sieht nur so aus, stinkt nicht!).
Aisha und ich nutzen die Pause, um endlich mal unsere Füße einzucremen. Wozu schleppt man denn das Zeug mit?
Yussef al-Djadid kommt mit dem zweiten Jeep und bringt Tomaten, Brot und Kamelfutter.
Ich fahre mal wieder im Auto mit und morgen ist schon der letzte Kameltag.
Ob ich wohl noch mal reiten kann?
Oberhalb vom "Kiosk-Platz" ist unser Nachtlager.
Von diesem "Kiosk-Platz" möchte uns Mariam etwas Außergewöhnliches berichten:
ihr Erlebnis mit einer Fata Morgana.
Hat Mariam vielleicht einen Blick in die Zukunft geworfen? Wer weiß das schon ...
Nach dem Abendessen wird zu Musik aus dem Rekorder in allen möglichen Stilrichtungen getanzt.
Wir haben einen Heidenspaß und schießen jede Menge lustige Fotos.
Am nächsten Tag ist es verhangen.
Ich fühle mich so kaputt, dass ich sogar einen Mittagsschlaf im Auto mache, sonst für mich unvorstellbar.
Aber vielleicht ist es ja auch nur das Alter?
Abdallah wird von Housseini operiert: Er hat sich einen Stachel ganz tief in die Fußsohle eingetreten.
Der Stachel ist kaum mehr zu sehen und leider bringt die OP keine Erleichterung, er sitzt zu tief.
Abends ein erneuter Versuch - leider auch ohne sichtbaren Erfolg.
Dann regnet es. Wirklich, das erste Mal richtiger Regen in Libyen.
Gott sei Dank nur kurz, denn es war hässlich: kalt und windig und nass.
Und Yussef schläft tatsächlich im Zelt.
Im Zelt, das eigentlich für die trockene Unterbringung der Küchenutensilien aufgebaut wurde.
Aber irgendwo zwischen Brotsack, Eierpalette und Teekiste fand er noch ein Plätzchen.
Seitdem hat er seinen neuen Spitznamen weg: aus Yussef al-Djadid (neuer Yussef) wird Yussef al-Chaima, zu deutsch "Zelt-Yussef".
Ganz schön peinlich ...
In der Nacht muss ich brechen.
Schon den ganzen Abend hatte ich mich nicht wohl gefühlt und gefroren.
Danach geht es mir schlagartig besser, ich kann gut schlafen und am nächsten Tag ist alles vergessen.