4. Tag
Agadez - davon habe ich geträumt!
Jetzt ist es erreicht, ich stehe hier, blicke auf die berühmte Moschee.
Der prachtvolle Turm ist das höchste Lehmbauwerk Afrikas.
Er misst 27 Meter.
Früh und besonders abends erstrahlt er in feinem, orangenem Sonnenlicht. Schön isser!
Agadez ist die "Tuareg-Hauptstadt".
Hier, am Schnittpunkt der uralten Karawanenwege, leben Tuareg, hauptsächlich vom Stamm "Kel Aïr", zusammen mit Haussa und Tubu, Fulbe Bororo und ein paar wenigen Arabern.
Uns ist es zu heiß!
Jede Bewegung ist schweißtreibend, Mattheit macht sich breit, das Betteln nervt.
Fast ständig ist man umzingelt von laut Geschenke fordernden Kindern: "Cadeau! Cadeau, Madame!"
Agadez hat mehrere Märkte: einen sog. schwarzafrikanischen Gemischtwaren-Markt, den sich daran anschließenden Lebensmittelmarkt, den Kamelmarkt und den sog. Tuareg-Markt, wo es zwar keine Tuareg, aber dafür deren Produkte zu kaufen gibt.
Wir sind auf dem schwarzafrikanischen Markt und sondieren erstmal die Lage: Was gibt es so und was kostet es?
In den engen Gäßchen des großen Areals gibt es fast alles, was im Land produziert oder importiert wird: Klamotten, Stoffe, Schuhe, Haushaltwaren, Kosmetika und Schmuck.
Schneider und Schuster haben ihre Werkstätten gleich nebenan.
Es gibt viel zu sehen und zu bestaunen.
Für ausgiebige Verkaufsverhandlungen fehlt uns heute die Ruhe, und so verschieben wir den Erwerb von zwei Schechs, etwas Weihrauch und evtl. Mitbringseln auf morgen.
Nachmittags halten wir Siesta auf der Dachterasse.
Danach geht es zur Besichtigung einer der berühmten Silberschmieden von Agadez.
Wie groß war mein Erstaunen, als ich erfuhr, zu welcher Schmiedefamilie wir unterwegs waren: Koumama!
Nach einer überaus freundlichen Begrüßung werden uns die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Schmuckherstellung gezeigt.
Wir bleiben zwei Stunden.
Wer will, kauft ein.
Ich bin von der Fülle überwältigt und verschiebe auch diesen Einkauf auf einen späteren Besuch nach der Aïr-Reise.
Eine gute Nachricht erreicht uns heute: Jürgens Gepäck ist in Niamey angekommen und soll morgen irgendwie nach Agadez gebracht werden!
Abendessen auf der Terasse (Couscous vegetarisch und kühles "Niger").
Spätabends kommt noch Balal mit seiner Frau vorbei, sie wollen in die Disco!
Sie laden uns für morgen mittag zum Essen ein.
5. Tag
An diesem Tag steht unser erster Projektbesuch auf dem Programm:
Wir treffen uns mit Saada, diplomierte Krankenschwester und unsere PARMED-Verbindungsfrau zum Central Hospital, und machen einen zweistündigen Rundgang durch das Gelände des Krankenhauses.
Zum Mittagessen sind wir bei Balal.
Es gibt leckeres Tuggela (diesmal aus Grieß), eingebröckelt in Fleisch-/Gemüsesoße.
Im Innenhof steht das Zelt seiner Großmutter.
Sie weigert sich, im Haus zu wohnen und zieht ihre traditionelle Unterkunft vor (leider von hohen Lehmmauern umzingelt).
Am Nachmittag wäre eigentlich die Audienz bei seiner Majestät, dem Sultan, angesagt gewesen.
Aber er ist krank.
Das ist wirklich Pech, auf diesen Besuch war ich wirklich gespannt und außerdem wäre ein Gruppenbild mit Sultan "das Ding" gewesen.
Schade, schade, vielleicht klappt es ja noch nach unserer Rundreise.
So können wir den Sultanspalast nur von außen besichtigen.
Na ja, eigentlich sehen wir nur die Außenfront eines ziemlich großen, mehrstöckigen Gebäudes mit blauen Fensterläden.
Ein junger Mann mit Jogging-Anzug kommt zu uns.
Es ist Ibrahim, der älteste Sohn des Sultans, designierter Nachfolger in der Erblinie des Sultanats.
Ibrahim ist aufgeschlossen und sehr höflich, erkundigt sich nach dem Stand der Projekte von PARMED und wünscht uns noch einen schönen Aufenthalt in Agadez und im Aïr.
Bekleidungsmäßig entspricht er ja nicht unseren Vorstellungen von Würde und Tradition seines zukünftigen Amtes.
Aber so ist es eben, die Moderne hält auch vor Agadez nicht an: westliche (Sport-)Kleidung ist chic und seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken.
Sie wird genauso zum unentbehrlichen Statussymbol wie der Kühlschrank, der Fernseher, das Auto.
Kommt mir irgendwoher bekannt vor ...
Die Erlaubnis zur Besichtigung der Moschee und zur Besteigung des Minaretts haben wir erhalten.
Doch wo steckt der Aufseher?
Da er nirgendwo aufzutreiben ist, müssen wir auch das auf später verschieben.
Die Moschee steht ja nun schon über 500 Jahre da, da wird sie doch nicht ausgerechnet jetzt von einem Jahrhundertregen weggespült werden - hoffen wir.
Am frühen Abend gehen wir noch einmal zur Silberschmiede "Koumama Bijoutie", der kollektive Kaufrausch geht weiter.
Diesmal werde auch ich schwach, gut, dass ich mir vor der Reise ein Limit gesetzt habe!
Helmut, unser Zahnarzt, hat auf Anfrage der Schmiede seinen "Besteckkasten" dabei, denn die ihnen nachgesagten guten Beziehungen zu allerlei Geistern schützen auch Schmiede nicht vor üblen Zahnschmerzen.
Jürgens Gepäck ist wirklich angekommen, gerade noch rechtzeitig vor Beginn unserer Tour - al hamdu li'llah!
Abendessen auf der Terasse mit Couscous und einigen Bierchen.
Morgen geht's los!
6. Tag
Heute geht sie also los, unsere 9-tägige Tour durchs Aïr.
Da die Abfahrt erst für 10 Uhr geplant ist, bleibt noch genügend Zeit, den Kamelmarkt zu besuchen.
Pünktlich 10 Uhr sind wir wieder im Hotel, gepackt ist ja längst schon alles,
es könnte sofort losgehen.
Aber wie erwartet ist es noch lange nicht soweit ...
Dann treffen die Jeeps und ihre Fahrer ein.
Wir verteilen uns irgendwie auf dieWagen: Gabi und ich entscheiden uns für den sandgeschliffenen, mattschwarzen Jeep.
Unser Fahrer heißt Sumana.
Mit bei uns fährt Edeber, der Mechanikus.
Er und unser Koch Kader sind dicke Freunde, wenn irgend möglich, glucken sie zusammen.
Fehlt nur noch, die Nummer 5 bei uns im Wagen vorzustellen: Wolfram, unser absoluter Touristendurchschnittsalter-Drücker!
Wolfram hofft auf ein paar steile Dünen, die er mit seinem mitgeschleppten Snowboard runterbrettern kann.
Wir anderen hoffen auf ein paar spektakuläre Stunts & schöne Fotos.
Wir starten gg. 12.30h.
Die ersten Kilometer führen uns raus aus dem Staub von Agadez, rein in den Staub der Hochebene.
Das Wetter ist diesig und das Aïr sieht - von hier zumindest - ziemlich bröckelig aus.
Wir halten an einer kleinen Specksteinmine, wo vier junge Burschen aus einem ca. 5 Meter tiefen Loch mit Seitengängen den weißen Speckstein heraufholen.
Oben wird er dann gleich zu Aschenbechern verarbeitet.
Wir rasten in einem breiten, flachen Kori (Wadi), wo in den Bäumen am Ufer kleine rote Vögel umherhüpfen.
Scheißt mir doch einer auf den Kopf! Beim Essen!
Wir übernachten auch in einem solchen Kori, obwohl wir Touris nicht so recht wollen.
Schließlich haben wir die angeblich höhere Wahrscheinlichkeit des Ertrinkens in der Wüste vor dem Verdursten verinnerlicht.
Aber wir haben großes Glück: in dieser Nacht kommt keine Flutwelle durch das Kori gerast, uns alle mit sich reißend...